Rudolf Virchow, deutscher Arzt und Begründer der modernen Sozialhygiene, *1821 – 1902

SDG #6 - Sauberes Wasser und Sanitärversorgung

Wer heutzutage mal muss, geht aufs Klo. Das Geschäft macht sich mit einem Knopfdruck auf den Weg ins Klärwerk und ist erledigt. Das klappt bei euch Zuhause, in eurer Schule und fast überall anders auch. Doch vor nicht allzu langer Zeit gab es auch in Deutschland weder WCs noch eine funktionierende Kanalisation. Die Folge war ein bestialischer Gestank in den Städten. Viel schlimmer noch: Durch die katastrophalen hygienischen Verhältnisse wurden Menschen krank. Einer, der den Zusammenhang zwischen verseuchtem Wasser und Krankheiten erkannte, war Rudolf Virchow.

Das Allround-Genie Virchow

Virchow, dessen Nachname man übrigens Fircho spricht, war ein Universalgelehrter, also ein echter Alleskönner. Denn er war Arzt, Pathologe, Pathologischer Anatom, Anthropologe, Prähistoriker und Politiker. Und als ob das noch nicht genug wäre, gilt er auch als einer der Planungsväter der Kanalisation Berlins und als Begründer der modernen Sozialhygiene. Dieses Teilgebiet der Hygiene befasst sich grob gesagt damit, wie die Gesundheit eines Menschen mit dessen sozialer Umwelt in Verbindung steht. Dass Virchows Name in die Geschichte einging, ist also kein Zufall. Doch der Reihe nach. Virchow suchte als Forscher nach Gründen, warum ab 1860 deutlich mehr Menschen an Infektionskrankheiten starben als vorher. Er kam zu der Erkenntnis, dass unreines Wasser für Ausbrüche von Seuchen wie Cholera oder Typhus verantwortlich sei. Das wiederum bestärkte ihn in seiner Forderung, in Berlin eine so genannte Stadthygiene einzuführen. Darunter versteht man unter anderem eine funktionierende Kanalisation für Abwässer, die Versorgung mit sauberem Trinkwasser oder auch, dass es Gesundheitseinrichtungen wie zum Beispiel Krankenhäuser gibt.

Unverzichtbar für die Gesundheit

Da Virchow nicht nur Arzt und Pathologe, sondern auch Politiker war, konnte er seine Forderungen gezielt in politische Diskussionen einbringen. So untersuchte er im Auftrag der Regierung im Jahre 1848 die Ursachen einer Typhusepidemie. Den gesundheitlichen Zustand der Bevölkerung, die in Elendsvierteln wohnte und damit als die Ärmsten der Armen galten, analysierte er 1852. Seit 1859 setzte er sich schließlich dafür ein, dass Krankenhäuser gebaut und Gesundheitsdaten erhoben wurden. Was für uns heute ganz normal ist – nämlich, dass wir in ein Krankenhaus gehen können und Krankenkassen, Gesundheitsämter und Institute Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung sammeln und analysieren – war damals noch Zukunftsmusik. Auch Krankenpflegende, so wie wir sie heute kennen, gab es zu der Zeit noch nicht. Eine große Errungenschaft Virchows ist es, dass die Krankenpflege zu einem Ausbildungsberuf wurde. Er forderte vehement, dass an jedem großen Krankenhaus auch eine Krankenpflegeschule errichtet wird, und zwar ohne, dass man dafür einen bestimmten Glauben haben muss. Das war weit voraus gedacht, denn neben Ärztinnen und Ärzten sind auch Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger für unser aller Gesundheit und Wohlergehen unverzichtbar.

Krankheiten und schlechte Nachrichten sind weltweit verbreitet

Apropos: Immer wieder schaffen es Krankheitserreger, sich über die gesamte Erde zu verbreiten. Im 14. Jahrhundert forderte die als „Schwarzer Tod“ bezeichnete Pest allein in Europa geschätzt 25 Millionen Todesopfer – ein Drittel der damaligen Weltbevölkerung! Als sich zwischen 1918 und 1920 die Spanische Grippe verbreitete, starben weltweit zwischen 25 und 50 Millionen Menschen, einigen Schätzungen zufolge sogar 100 Millionen. Rund ein halbes Jahrhundert später griff die Asiatische Grippe um sich, die in den Jahren 1957 und 1958 weltweit rund zwei Millionen Menschenleben forderte und damit nach der Spanischen Grippe als zweitschlimmste Influenza-Pandemie des 20. Jahrhunderts gilt. Seit Ende 2019 beherrscht die Corona-Pandemie mehr oder weniger stark unser aller Alltag. Doch egal, welche Katastrophe man sich anschaut: Immer suchen Menschen nach Ursachen und Gründen, aber auch nach Verantwortlichen oder vermeintlich Schuldigen. Problematisch ist dies, weil Stereotype und Vorurteile nur allzu oft und allzu schnell dazu führen, dass jemandem unberechtigterweise die Schuld an der Situation zugewiesen wird. So wurde zum Beispiel die durch das HI-Virus ausgelöste Krankheit Aids (Acquired Immune Deficiency Syndrome, deutsch: erworbenes Immunschwächesyndrom) als so genannte Schwulenpest bezeichnet, da scheinbar besonders viele homosexuelle Männer davon betroffen sind. Das ist natürlich Quatsch, denn erstens gibt es annähernd gleich viele Frauen und Männer, die mit dem Virus infiziert sind. Und zweitens ist Aids eine sexuell übertragbare Krankheit, die keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern macht und bis heute rund 35 Millionen Todesopfer forderte. Damals wie heute werden durch solche Aussagen und Bezeichnungen jedoch Menschen diskrimiert, was inakzeptabel ist. So wichtig die Suche nach den Ursprüngen von Krankheiten auch ist, einfach zu beantworten sind die damit verbundenen Fragen nicht. Doch die Suche lohnt sich, denn nur so lassen sich zukünftige Krankheitsausbrüche bestenfalls vermeiden, zumindest aber besser damit umgehen. Zahlreiche Forscherinnen und Forscher sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beschäftigen sich daher Tag für Tag mit der Frage, wie Krankheiten entstehen, wo sie ausbrechen und wie man sie behandeln kann. Ihre Überlegungen nennt man Hypothesen – eine Aussage, die zwar logisch erscheint, aber noch nicht bewiesen ist. So lange sie nicht bewiesen (verifiziert) oder widerlegt (falsifiziert) ist, wird sie zwar als gültig anerkannt, bedeutet aber keinesfalls, dass Hypothesen wissenschaftliche Beweise sind. Doch damals wie heute gibt es Menschen, die diesen Punkt unterschlagen und Hypothesen nutzen, um Stimmung zu machen. Virchow war fest davon überzeugt, dass man unbewiesenen Hypothesen gegenüber Abstand halten müsse. Tut man dies nicht, passiert, was man heute leider immer wieder in den Nachrichten hört: Fake-News werden unkritisch weiterverbreitet, Populisten reimen sich Wahrheiten zusammen oder Menschen werden grundlos beschuldigt, beleidigt und diffamiert.

Ein Mann zwischen Humanismus, Überheblichkeit und Rassismus

Gegen die Diffamierung auf der Grundlage von Hypothesen setzte sich auch Rudolf Virchow ein. Zu seiner Zeit kamen bereits antisemitische Tendenzen auf, die im systematischen Mord an Millionen Menschen zwischen 1933 und 1945 ihren Höhepunkt fanden. Im Nationalsozialismus wurden Menschen aufgrund ihres Aussehens, ihres Glaubens oder ihrer Erkrankungen systematisch verfolgt und ermordet. Diese Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlebte Rudolf Virchow, der im September 1902 im heutigen Polen starb, nicht mehr mit. Er selbst war davon überzeugt und setzte sich dafür ein, dass jeder Mensch an das glauben könne, an das er glauben möchte. Im Jahre 1877 musste er sich im preußischen Abgeordnetenhaus gegen den Vorwurf wehren, folgenden Satz gesagt zu haben: „Tausende von Leichen seziert, dabei aber keine Spur der menschlichen Seele gefunden.“ Obwohl er sich seiner Zeit gegen diese Anschuldigung behaupten konnte, wissen wir heute, dass er keine reinweiße Weste hatte. Denn so ehrenwert seine Erkenntnisse und Errungenschaften auch sein mögen: Unter heutigen Gesichtspunkten sind die Forschungsmethoden des 19. Jahrhunderts ein absolutes No-Go. Damals war gängige wissenschaftliche Auffassung, dass sich Menschen in Primitive und Kulturvölker einteilen ließen – eine Grundlage für Rassismus, der bis heute ein weltweites Problem ist und immer wieder Menschen das Leben kostet. Heute undenkbar, zu Virchows Lebzeiten jedoch üblich, waren so genannte Völkerschauen. Im Zoo oder Zirkus wurden Menschen wie Tiere dem neugierigen Publikum vorgestellt. Zu sehen waren diese Schauen in allen großen Städten Europas, unter anderem auch in Hamburg, wo Carl Hagenbeck Feuerländer (Bewohner einer südamerikanischen Insel, die heute in einen chilenischen und argentinischen Teil aufgeteilt ist), Lappen (frühere Bezeichnung der Sámi, eines indigenen Volkes, welches nördlich des Polarkreises in den Staaten Norwegen, Schweden, Finnland und Russland lebt), Indianer (die indigenen Völker Amerikas) und Nubier (Volk, welches im heutigen Sudan und südlichen Ägypten beheimatet ist) vorführte. Völkerkundler und Anthropologen wie Virchow nutzten diese ihnen sich bietenden Gelegenheiten, um Menschen gewissermaßen katalogisieren zu können. Unter der Leitung Virchows wurden spezielle Methoden entwickelt, mit denen exakte Mess- und Vergleichsdaten gewonnen werden sollten. Dazu wurden nicht nur lebendige Menschen unter unmenschlichen Bedingungen untersucht, sondern auch ganze Skelette, einzelne Knochen und Schädel. Rund 5.000 hat Virchow zusammengetragen; bis heute lagern in der nach ihm benannten Sammlung, welche vom anthropologischen Institut verwaltet wird, noch rund 3.000 von ihnen. Kritiker dieser Sammlung fordern, dass diese an die Völker der Ursprungsorte übergeben werden, damit sie würdevoll bestattet werden können.

Wasser ist der Grundstoff des Lebens – und ein Menschenrecht

Apropos: Virchows grundlegend humanistische Haltung führte dazu, dass nach seinem Tod ein Streit darüber entbrannte, ob ihm denn überhaupt eine christliche Bestattung zustünde. Letztlich erwiesen ihm bei seinem Trauerzug Tausende die letzte Ehre. Trotz seiner aus heutiger Sicht ethisch verwerflichen Taten sind und bleiben Dinge sein Vermächtnis, die vielen Menschen – auch wenn  längst nicht allen – ein Leben ermöglichen, wie wir es kennen: mit Krankenhäusern, in denen Ärztinnen und Ärzte sowie Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger gut ausgebildet sind und Hand in Hand arbeiten, mit Wasserhähnen, aus denen wie von Zauberhand jederzeit frisches Trinkwasser kommt, und mit WCs, die unsere Hinterlassenschaften oftmals mit frischem Trinkwasser durch funktionierende Kanalisationen entsorgen. Leider ist dies noch nicht für alle Menschen auf der Erde so, auch nicht in Europa. Wenn du schon einmal in Süd- oder Osteuropa Urlaub gemacht hast, kennst du das: Mit dem Wasser, das aus dem Wasserhahn kommt, kann man Zähne putzen und sich waschen, aber zum Trinken ist es nicht geeignet. Viel schlimmer noch: Weltweit haben rund 2,2 Milliarden Menschen keinen ständigen Zugang zu sauberem Wasser. Rund 785 Millionen Menschen – das sind fast doppelt so viele, wie in der ganzen EU wohnen! – haben noch nicht einmal eine Grundversorgung mit Trinkwasser. Zahlreiche Initiativen machen auf diesen Missstand aufmerksam, unter anderem der Weltwassertag der Vereinten Nationen. Dieser ruft dazu auf, sorgsam und bewusst mit der Ressource Wasser umzugehen. Die Möglichkeiten, den Wasserverbrauch zu senken, sind so vielfältig wie einfach. Was ihr zum Beispiel im Alltag tun könnt:

  • häufiger duschen statt baden
  • beim Händewaschen und Zähneputzen den Wasserhahn schließen
  • bei der Toilettenspülung den Sparknopf nutzen oder nur kurz spülen
  • einen Geschirrspüler mit Öko-Waschgang nutzen
  • die Waschmaschine stets möglichst voll beladen
  • Obst und Gemüse in einer Schüssel abwaschen
  • im Garten mit Regenwasser gießen

Doch haben Menschen in regenarmen Gebieten anderswo auf der Welt mehr Wasser zur Verfügung, wenn wir weniger verbrauchen? Nein, haben sie natürlich nicht. Denn das Wasser, das wir hier verbrauchen, bleibt in unserem Wasserkreislauf. Etwas tun können wir trotzdem: indem wir unseren virtuellen Wasserverbrauch senken. Unter dem Begriff virtuelles Wasser versteht man die gesamte Wassermenge, die bei der Herstellung eine Produktes benötigt wird. Beispielsweise werden für ein Kliogramm Rindfleisch etwa 16.000 Liter Wasser benötigt, für ein Kilogramm Sojabohnen 1.800 Liter, für eine Jeans rund 6.000 Liter, für ein T-Shirt rund 2.000 Liter und für einen PKW sogar bis 400.000 Liter!

Mit der Entscheidung, was und wie viel wir essen, kaufen und anziehen oder womit wir uns fortbewegen, können wir also Einfluss auf den Wasserverbrauch andernorts nehmen. Weil das Thema so wichtig ist, setzt der arche noVa e.V. unter dem Titel „Wasser, Sanitär & Hygiene (WASH)“ einen entsprechenden Schwerpunkt. Zudem gibt es passend dazu das Planspiel „Nilkonflikt“, mit dem ihr euch dem Thema auch auf spielerische Weise nähern könnt. Das macht nicht nur Spaß, sondern ihr lernt auch, wie ihr einen wichtigen und sinnvollen Beitrag zum Erreichen der Globalen Nachhaltigkeitsziele leisten könnt.

Wie ihr und eure Lehrer mit Lehrmaterialien, Workshops und Exkursionen das Thema „Sauberes Wasser und Sanitäre Einrichtungen“ in euren Unterricht integrieren könnt, erfahrt ihr hier.